Die weltweite Wirtschaftskrise trifft
Nicaragua hart. Die hohe Inflation von 14% (2008), hervorgerufen durch den
teils sprunghaften Anstieg der Preise für Energie und Lebensmittel, frisst zunehmend das ohnehin schon spärliche
Einkommen der Bevölkerung auf: ¾ verfügen über weniger als 2 Dollar im Tag und
fast 2 Millionen Menschen leben in extremer Armut, d.h. mit weniger als 1
Dollar.
Verschärft
wird die prekäre Lebenssituation vieler Nicaraguanerinnen und Nicaraguaner
durch den Rückgang der Geldüberweisungen von im Ausland lebenden Verwandten.
Rund 1/5 der nationalen Bevölkerung lebt und arbeitet in der Ferne und überweist
jährlich rund 800 Millionen Dollar nach Nicaragua, was dem Wert der Hälfte der
gesamten Exporteinnahmen des Landes entspricht. Die Krise verschlechtert die
Arbeitsmöglichkeiten sowohl im Ausland wie auch in Nicaragua selber, wo bereits
zahlreiche "maquiladoras" , d.h. zoll-
und steuerbefreite Fertigungsbetriebe internationaler Unternehmen, schliessen
und ihre Mitarbeiterinnen (vorwiegend Frauen) entlassen mussten.
Die seit 2006 amtierende Regierung der
sandinistischen Partei FSLN hat zwar unter der Leitung des Präsidenten Daniel
Ortega verschiedene Sozialprogramme in die Wege geleitet, die erhofften Erfolge
bei der Bekämpfung der Armut sind aber noch bescheiden. Gründe dafür sind
neben der weltwirtschaftlichen Rezession auch interne Entwicklungen wie die
zunehmende politische Polarisierung und die Tendenz der Regierung, für die
Durchsetzung ihrer Politik die demokratischen Entscheidungsprozesse und Kontrollmechanismen
zu umgehen.
Bisheriger Höhepunkt dieser politischen Krise
stellten die Munizipalwahlen vom November 2008 dar, welche nicht nur von den
Oppositionsparteien, sondern auch von nationalen und internationalen
Beobachtern als nicht transparent und manipuliert beurteilt werden.
Unmittelbare Konsequenz dieser Vorwürfe ist die Streichung von rund 120'000.-- US-Dollar
Entwicklungsgelder der internationalen Gemeinschaft, die ein nur schwer zu
schliessendes Loch im Staatshaushalt hinterlassen.
Wichtiger Verbündeter und „Retter“ der
sandinistischen Regierung ist Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der im Rahmen
der Bolivarianischen Allianz für die Völker Amerikas (ALBA) Nicaragua mit stark
verbilligten Öllieferungen, attraktiven Abnahmeverträge für Agrarprodukte und günstigen
Krediten unterstützt (insgesamt rund 450 Millionen US-Dollar im 2008). Da diese finanziellen
Unterstützungen im Staatshaushalt nicht ausgewiesen und auf undurchsichtige
Weise verwaltet werden, riskiert Nicaragua nun auch, dass der Internationale
Währungsfonds geplante Kredite von gut 80 Millionen US-Dollar streicht.
Fairerweise muss erwähnt werden, dass es für
den vermuteten Wahlbetrug zwar Indizien, aber keine endgültigen Beweise gibt
und im Vergleich zu den Vorgängerregierungen die Sandinisten sehr wohl einige
Erfolge in der Bekämpfung der Armut und Ungleichheit vorweisen können.
So hat die UNESCO im Juni Nicaragua als frei von Analphabetismus erklärt (Index
des Analphabetismus unter 5%). Neben der erfolgreichen
Alphabetisierungskampagne profitiert die ärmere Bevölkerung auch von Einführung
des kostenlosen Zugangs zu Gesundheitsdiensten und Grundschulen. Rund 20 000
Frauen haben im Rahmen der Programms zur Hungerbekämpfung Nutztiere, Samen und
Arbeitsmittel erhalten, um die Selbstversorgung ihrer Familie sicherzustellen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Regierung mit
ihren „revolutionären“ Strategien zur Abschaffung der Armut und Ungerechtigkeit
nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet ,
und die zur Verbesserung der Lebenssituation der Ärmsten notwendigen
Veränderungsprozesse nicht aufgrund innerpolitischer Machtspiele und Intrigen
verhindert werden.
Stand: Juli 2009




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